So lange ist das noch gar nicht her...
Wegen der anstehenden Reise machten Key und ich heute eine erste Routenplanung. Das ließ mich erinnern, wie ich damals 1993 nach Belgrad gefahren bin.
Meine Großmutter lag im Sterben. Sie war gesegnete 91 Jahre alt geworden, nun hatte sie eine Lungenentzündung erwischt, und die Schwester meines Vaters hatte ihn gebeten, zu kommen. Ich schloss mich an. Zum einen, weil es meine Großmutter war, zum anderen, weil meine Mutter ohnehin in Belgrad war, und zum dritten, weil ich Kistenweise Medikamente zusammengesammel hatte, die ich dem Krankenhaus mitbringen wollte. Vielleicht konnte ja eines von ihnen meiner Großmutter helfen.
Anfang der Neunziger konnte man nicht nach Belgrad fliegen. Man konnte nur selber fahren. Und zwar über Ungarn. Mein Vater hatte gerade einen neuen BMW erstanden und beschlossen, dass er ihn auch gerne behalten würde. Also kam Selberfahren nicht in Betracht.
Fliegen wäre noch gegangen, also bis Budapest, von dort aus musste man sich dann bis Belgrad durchschlagen, die Shuttlebusse sind erst später organisiert worden.
Fliegen geht aber nur mit 20 kg Gepäck, und da ich ja Kistenweise Medikamente dabeihatte, und mal ehrlich, wer kommt schon mit 20 kg Gepäck aus, wenn er für die halbe Verwandschaft Mehl, Zucker, Sonnenblumenöl und Salz mitschleppen muss, dazu noch jeweils zwei Rollen Klopapier, aber sorgsam damit umgehen, bitte, es muss eine Weile reichen, und wir reden nicht von diversen Extrawünschen der Verwandten wie zum Beispiel Insulin oder Mittel gegen Herzrhythmusstörungen.
Es blieb nur die Möglichkeit mit einem der privaten Anbieter zu fahren.
In Köln gab es damals zwei, die alle zwei Wochen gefahren sind. Der eine ist irgendwann einmal völlig übermüdet in einem Verkehrsunfall umgekommen, mit dem anderen sind wir gefahren.
Also buchten wir eine hoffnungslos überteuerte Reise in einem komplett überfüllten Minibus mit unglaublich ungewaschenen Gastarbeitern. Ich weiß nicht, ob damals das Schengen-Abkommen noch nicht galt oder ob einige der Gastarbeiter keine Papiere hatten, fest stand, dass wir ohnehin nicht durch Ex-YU fahren konnten. Dass wir aber auch Österreich meiden mussten, war uns beim Antritt der Reise nicht klar.
So führte unser Weg also von Köln aus nach Tschechien, hernach in die Slowakei, darüber dann nach Ungarn und von dort aus schließlich nach Serbien. Ganze 42 Stunden später waren wir da. Ich glaube, ich hab mindestens genauso gestunken wie die Gastarbeiter, meiner Mutter nahm es jedenfalls den Atem.
Belgrad zeigte sich von der chaotischsten Seite. Die Geschäfte leer, und mit leer meine ich leer, also nichts mehr in den Regalen, nicht einmal eine Seife mehr, dafür blühte auf den Straßen der Schwarzmarkt. Gehandelt wurde mit allem, was auch nur ansatzweise zum Gebrauch bestimmt war, alles natürlich für harte DM. Vor meiner Haustür dealte ein verschwitzter Typ mit Benzin aus zwei verbeulten Kanistern. Dass die Autos mit diesem gestreckten Mist überhaupt fahren konnten, hat vermutlich ihn am meisten überrascht.
Ich, jedenfalls, musste den Bus nehmen. Und das war ein großes Problem. Denn die Busse benötigen Benzin, um zu fahren, das gab es aber nur beim Dealer vor meiner Haustüre, also fuhren extrem wenig Busse und die waren dann auch bis zum Abwinken voll. Es gab damals sogar eine Werbung für ein Schlankheitsmittel (Biomed 4) mit dem Slogan: "Da si Biomed pila u autobusu bi bila" (Hättest du Biomed genommen, hättest du auch in den Bus gepasst.) Da ist halt eine etwas fülligere Dame, die vor Wut auf ihrer Tasche rumspringt, weil sie nicht in den übervollen Bus passt, während ein schlanker Mann sich noch in die letzte Lücke zwängt.
Schade, dass ich das nirgendwo mehr als Youtube finden konnte - es ist wirklich ein Zeitdokument.
Als ich ein Ticket kaufen wollte, sagte man mir, es gäbe keine. Worauf sie auch drucken? Außerdem kommt bei den Massen ohnehin kein Kontrolleur mehr durch.
Ich, jedenfalls, hatte ebenfalls kein Biomed verwendet und musste zu Fuss gehen.
Das Krankenhaus war ein einziges Trauerspiel. Ich muss dazusagen, dass die Geriatrie wohl heute noch ähnlich aussehen wird, aber die hatten da nicht einmal mehr Verbandsmaterial. Meine Oma, Gott hab sie selig, hatte sich komplett wundgelegen, in ihrer vollgeschissenen Stoffwindel, die meine Tante alle paar Tage mit nach Hause nahm, um sie ein bisschen auszuwaschen. In der Zwischenzeit hat mein Onkel seine monatliche Rente in eine Tageszeitung und zwei Brötchen umgesetzt, wovon man lebt, weiß damals keiner so genau.
Eine ganze Woche hielt mein Vater es aus. Eine Woche. Danach schmiss er das Handtuch, kaufte sich einen Typen, der ihn nach Budapest brachte, und flog eiligst wieder in die Zivilisation zurück. Selbst zur Beerdigung seiner Mutter ist er nicht mehr gekommen.
Ich bin härter im Nehmen. Nicht so hart wie die meisten Serben oder auch meine Mutter, die jährlich fünf Monate in diesem Chaos glücklich war, aber hart genug, um in Belgrad zu bleiben, bis ich wieder zurückmusste, um unsere Slava vorzubereiten. Am Tag des heiligen Dimitri 1993, am Tag ihres eigenen Schutzpatron, ist meine Oma dann gestorben.
Ja, so war das damals.
Kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen.
Ist aber genaugenommen noch gar nicht so lange her...
Meine Großmutter lag im Sterben. Sie war gesegnete 91 Jahre alt geworden, nun hatte sie eine Lungenentzündung erwischt, und die Schwester meines Vaters hatte ihn gebeten, zu kommen. Ich schloss mich an. Zum einen, weil es meine Großmutter war, zum anderen, weil meine Mutter ohnehin in Belgrad war, und zum dritten, weil ich Kistenweise Medikamente zusammengesammel hatte, die ich dem Krankenhaus mitbringen wollte. Vielleicht konnte ja eines von ihnen meiner Großmutter helfen.
Anfang der Neunziger konnte man nicht nach Belgrad fliegen. Man konnte nur selber fahren. Und zwar über Ungarn. Mein Vater hatte gerade einen neuen BMW erstanden und beschlossen, dass er ihn auch gerne behalten würde. Also kam Selberfahren nicht in Betracht.
Fliegen wäre noch gegangen, also bis Budapest, von dort aus musste man sich dann bis Belgrad durchschlagen, die Shuttlebusse sind erst später organisiert worden.
Fliegen geht aber nur mit 20 kg Gepäck, und da ich ja Kistenweise Medikamente dabeihatte, und mal ehrlich, wer kommt schon mit 20 kg Gepäck aus, wenn er für die halbe Verwandschaft Mehl, Zucker, Sonnenblumenöl und Salz mitschleppen muss, dazu noch jeweils zwei Rollen Klopapier, aber sorgsam damit umgehen, bitte, es muss eine Weile reichen, und wir reden nicht von diversen Extrawünschen der Verwandten wie zum Beispiel Insulin oder Mittel gegen Herzrhythmusstörungen.
Es blieb nur die Möglichkeit mit einem der privaten Anbieter zu fahren.
In Köln gab es damals zwei, die alle zwei Wochen gefahren sind. Der eine ist irgendwann einmal völlig übermüdet in einem Verkehrsunfall umgekommen, mit dem anderen sind wir gefahren.
Also buchten wir eine hoffnungslos überteuerte Reise in einem komplett überfüllten Minibus mit unglaublich ungewaschenen Gastarbeitern. Ich weiß nicht, ob damals das Schengen-Abkommen noch nicht galt oder ob einige der Gastarbeiter keine Papiere hatten, fest stand, dass wir ohnehin nicht durch Ex-YU fahren konnten. Dass wir aber auch Österreich meiden mussten, war uns beim Antritt der Reise nicht klar.
So führte unser Weg also von Köln aus nach Tschechien, hernach in die Slowakei, darüber dann nach Ungarn und von dort aus schließlich nach Serbien. Ganze 42 Stunden später waren wir da. Ich glaube, ich hab mindestens genauso gestunken wie die Gastarbeiter, meiner Mutter nahm es jedenfalls den Atem.
Belgrad zeigte sich von der chaotischsten Seite. Die Geschäfte leer, und mit leer meine ich leer, also nichts mehr in den Regalen, nicht einmal eine Seife mehr, dafür blühte auf den Straßen der Schwarzmarkt. Gehandelt wurde mit allem, was auch nur ansatzweise zum Gebrauch bestimmt war, alles natürlich für harte DM. Vor meiner Haustür dealte ein verschwitzter Typ mit Benzin aus zwei verbeulten Kanistern. Dass die Autos mit diesem gestreckten Mist überhaupt fahren konnten, hat vermutlich ihn am meisten überrascht.
Ich, jedenfalls, musste den Bus nehmen. Und das war ein großes Problem. Denn die Busse benötigen Benzin, um zu fahren, das gab es aber nur beim Dealer vor meiner Haustüre, also fuhren extrem wenig Busse und die waren dann auch bis zum Abwinken voll. Es gab damals sogar eine Werbung für ein Schlankheitsmittel (Biomed 4) mit dem Slogan: "Da si Biomed pila u autobusu bi bila" (Hättest du Biomed genommen, hättest du auch in den Bus gepasst.) Da ist halt eine etwas fülligere Dame, die vor Wut auf ihrer Tasche rumspringt, weil sie nicht in den übervollen Bus passt, während ein schlanker Mann sich noch in die letzte Lücke zwängt.
Schade, dass ich das nirgendwo mehr als Youtube finden konnte - es ist wirklich ein Zeitdokument.
Als ich ein Ticket kaufen wollte, sagte man mir, es gäbe keine. Worauf sie auch drucken? Außerdem kommt bei den Massen ohnehin kein Kontrolleur mehr durch.
Ich, jedenfalls, hatte ebenfalls kein Biomed verwendet und musste zu Fuss gehen.
Das Krankenhaus war ein einziges Trauerspiel. Ich muss dazusagen, dass die Geriatrie wohl heute noch ähnlich aussehen wird, aber die hatten da nicht einmal mehr Verbandsmaterial. Meine Oma, Gott hab sie selig, hatte sich komplett wundgelegen, in ihrer vollgeschissenen Stoffwindel, die meine Tante alle paar Tage mit nach Hause nahm, um sie ein bisschen auszuwaschen. In der Zwischenzeit hat mein Onkel seine monatliche Rente in eine Tageszeitung und zwei Brötchen umgesetzt, wovon man lebt, weiß damals keiner so genau.
Eine ganze Woche hielt mein Vater es aus. Eine Woche. Danach schmiss er das Handtuch, kaufte sich einen Typen, der ihn nach Budapest brachte, und flog eiligst wieder in die Zivilisation zurück. Selbst zur Beerdigung seiner Mutter ist er nicht mehr gekommen.
Ich bin härter im Nehmen. Nicht so hart wie die meisten Serben oder auch meine Mutter, die jährlich fünf Monate in diesem Chaos glücklich war, aber hart genug, um in Belgrad zu bleiben, bis ich wieder zurückmusste, um unsere Slava vorzubereiten. Am Tag des heiligen Dimitri 1993, am Tag ihres eigenen Schutzpatron, ist meine Oma dann gestorben.
Ja, so war das damals.
Kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen.
Ist aber genaugenommen noch gar nicht so lange her...
svashtara - 14. Mai, 02:00




